Anonyme Bewerbungen pro und kontra

So, die Bewerbung ist endlich geschrieben, der Lebenslauf passt, jetzt nur noch ein wirklich gutes Bewerbungsfoto… STOP! Bewerbungsfoto – Das war gestern!

Noch sind wir nicht so weit das Bewerbungsfoto zu verbannen, aber wenn es nach dem Willen der Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes geht, könnten zukünftig Bewerbungen nur noch anonymisiert möglich sein. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes legt jetzt ein Pilotprojekt dazu auf, unter Beteiligung der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, des Integrationsministeriums von NRW und fünf noch nicht vollständig benannten Konzernen, drei davon aus dem DAX, sowie dem Konzern L´Oreal. Das Presseecho ist umfangreich (siehe unten).

Die anonymisierten Bewerbungen sollen weder Angaben zum Alter, zum Geschlecht, zur Herkunft, zum Familienstand, noch Auskünfte über Wohn- oder Geburtsort enthalten. Und natürlich auch kein Foto mehr. Damit soll erreicht werden, dass Bewerber nicht mehr durch derlei Angaben wie bspw. Alter oder ethnische Zugehörigkeit auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden.

 

 

In der Tat gibt es auch in Studien nachgewiesene Diskriminierungen von bspw. Alten oder Menschen bestimmter Herkunft. Über die Schwierigkeiten mit arabischen oder türkischen Namen im Bewerbungsprozess gibt dieser SPON Artikel und die darin zitierte Studie ganz guten Aufschluss. Ok, es gibt also Benachteiligung von bestimmten Gruppen von Menschen auf dem Arbeitsmarkt, welche sich nicht aus den Qualifikationen, Kompetenzen oder Motivation dieser Menschen ergeben. Dies ist zunächst festzustellen und natürlich zu kritisieren.

Die Frage die daran anschließt ist, ob eine solche Anonymisierung (möglicherweise in Zukunft einmal gesetzlich verordnete Regulierung) wirklich etwas an diesem Zustand ändert. Zudem sollte gefragt werden, welche „side-effects“, also welche Nebenwirkungen ein derartiges Vorgehen mit sich bringen würde.

 

Zunächst einmal die Reaktionen:
Die Reaktionen sind naturgemäß bunt gemischt, die skeptische Tendenz ist aber in den Medien klar wahrnehmbar. Der Verband der Familienunternehmer bspw. nimmt die Initiative denkbar kritisch auf und warnt vor zusätzlich entstehenden Kosten bei der Personalgewinnung und einer Verzögerung in den Auswahlprozessen. Der Verband versteht sich dabei auch als Anwalt des deutschen Mittelstands.

Ebenfalls ablehnend reagiert der Arbeitgeberverband BDA, welcher gerade die wertvollen Bemühungen von Unternehmen Vielfalt zu schaffen (Diversity) durch anonyme Bewerbungen gestört bzw. konterkariert sieht.

Eine Reihe Personalverantwortlicher unterschiedlicher Unternehmen zitiert die Südwest Presse Ulm. Dort ist die Wahrnehmung des Vorstoßes „Anonyme Bewerbungen“ zumindest nicht ablehnend. Eher sieht man dem neutral entgegen und sieht bei sich selbst im eigenen Unternehmen eher keinen Handlungsbedarf oder keinen konkreten Nutzen.

Zuletzt sei noch erwähnt, dass in den USA Bewerbungen ohne Foto seit den 1960´er Standard sind und in Frankreich gegenwärtig eine große Initiative Pro anonyme Bewerbung läuft. Ist das ein Grund dafür es auch in Deutschland so zu machen? Es scheint fraglich…

 

Stellen wir nun also die Frage nach der Wirksamkeit und damit nach dem Sinn oder Unsinn eines solches Vorstoßes:

Pro:
Tatsächlich könnten nachgewiesene Beurteilungsfehler in der Personalauswahl zunächst reduziert werden (z.B. kein Foto, kein Sympathie-Bonus/ Antipathie-Malus). Dadurch würden die sonst diskriminierten Personen ggf. eine Runde weiter kommen, aber de facto trotzdem aussortiert werden, wenn die berüchtigte „Schere im Kopf“ weiterhin aktiv ist.
Eine höhere Chance für Bewerber sich zumindest persönlich vorzustellen, könnte eine gewisse Anonymisierung aber wohl bedeuten. Vielleicht wäre der Ansatz ja Namen und Foto wegzulassen ein hilfreicher Mittelweg. Also, nur ein halbes Pro-Argument, welches hier stehen bleibt.

 

Kontra:
– Das Entfernen von wesentlichen persönlichen Angaben aus Bewerbungsunterlagen kann eine Menge Mehraufwand für die Unternehmen bedeuten.
– Die durch das allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) im Grunde gute Rechtslage würde unnötig verschärft und könnte Unternehmen dazu bringen noch defensiver zu rekrutieren. Schon jetzt werden viele Stellen nicht mehr offen ausgeschrieben. Auch Feedback an Bewerber erfolgt kaum noch oder versuchen Sie mal seit in Kraft treten des AGG von einem Personaler nach einer Absage eine wirklich inhaltlich wertvolle Aussage über die Gründe zu bekommen. Da wird lieber die vom Fachanwalt vorformulierte Standardnotiz verwendet – bloß kein Risiko eingehen. Verständlich aus Unternehmenssicht, schade für die Bewerber…
– Eine Anonymisierung könnte schwerlich wirklich vollständig sein. Oder müssten dann auch Wehrdienstzeiten oder Mutterschaftspausen aus den CVs gelöscht werden?
– Anonyme Lebensläufe und Bewerbungsanschreiben wären erst der Anfang. Als nächstes müsste dann das Abschlusszeugnis anonymisiert werden, weil es könnte ja sein, dass die Uni/ Schule diesen oder jenen Ruf hat und dies wieder Absolventen von dort diskriminiert oder bevorzugt. Wo soll das enden?
– Den Familienstand von Bewerbern nicht zu kennen hilft weder Unternehmen, noch den Bewerbern, wenn sie diesen geheim halten. Dagegen ist es vielleicht hilfreich, wenn über einen Job mit gewissen Reiseanteilen gesprochen wird, zu wissen wie flexibel jemand wirklich sein kann.
– Bewerbungsverfahren würden wohl tendenziell unnötig in die Läge gezogen, wobei Unternehmen Geschwindigkeit brauchen.

Eine weitere Stellungnahme zu Chancen/ Risiken einer anonymisierten Bewerbung habe ich übrigens hier im bewerberblog gefunden. Auch in diesem Artikel gehen der Autor und der dort erwähnte Prof. Armin Trost, vom Lehrstuhl für Personalmanagement an der HS Furtwangen, auf Distanz zum Anonymisierungsvorstoß. Den virtuellen Dialog zwischen Prof.Trost und Fr.Lüders von der Antidiskriminierungsstelle gibt es in voller Länge hier!

 

Fazit vom Human Resource-Blog:
Integration und Gleichbehandlung sind wünschenswert und erstrebenswert. Meiner Ansicht nach lässt sich so etwas aber nicht verordnen. Unternehmerische Wahlfreiheit auch in Personalfragen sollte hier gepaart mit intelligenten Konzepten wie Diversity und einer soliden gesetzlichen Flankierung (AGG) den bereits heute richtigen Rahmen setzen. Alles andere sind letztlich Wertefragen, welche sich eben nicht anordnen lassen. Wenn ein Unternehmensvertreter aus persönlichen diskrimierenden Gründen gute Kandidaten ablehnt, dann sollte so etwas durch eine entsprechende Unternehmenskultur und eine entsprechende Führung im Unternehmen reguliert werden, aber nicht durch eine Verordnung aus der Politik.
Was kann vielleicht aus diesem Vorstoß mitgenommen werden? Ggf. lässt sich wirklich über eine Light-Version der Anonymisierung nachdenken, d.h. das Foto wegzulassen wäre meiner Erfahrung nach hilfreich und würde keine echte Informationslücke reißen.

Insofern, ich glaube nicht an dieses Projekt der Antidiskriminierungsstelle und hoffe, dass die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden.

Abschließend bemerkt: Interessant finde ich übrigens, dass die Idee zu anonymisierten Bewerbungen aus der Politik kommt. Mal angenommen man hätte diese Idee vor der Besetzung der Ministerien genau dort mal angewandt, also die verschiedenen politischen Ressorts nur nach Kompetenz und Qualifikation besetzt, wäre vermutlich keiner unserer derzeitigen Amtsinhaber… na ja Sie können den Gedanken auch so zu Ende denken…

12 Gedanken zu „Anonyme Bewerbungen pro und kontra

  1. SirLancelot

    Das Problem ist, dass spätestens im Vorstellungsgespräch alle anonymen Bewerbungsunterlagen Ihren Sinn verlieren.

    Wenn Diskriminierung tatsächlich statttfindet, so wird Sie nur auf das Bewerbungsgespräch hin verschoben. Spätestens dann ist das Alter, Geschlecht, kultureller Hintergrund, Photo etc. direkt sichtbar und kann je nach individueller Neigung auf die Entscheidung einwirken.

  2. Iris Fischer

    Ich stimme SirLancelot vollkommen zu – eine anonymisierte Bewerbung erschwert und verzögert nur den Prozess – wer Einschränkungen bezüglich Alter / Geschlecht / Nationalität etc hat, wird diese durch anonymisierte Bewerbungen nicht ablegen, sondern nur einen umständlicheren Weg gehen müssen. Für alle anderen Entscheider ist es unerheblich, ob die Bewerbung anonym oder offen erfolgt. Und nicht vergessen: manchmal sind Alter, Gechlecht, Herkunft ja auch ein positives Selektionskriterium! Wobei sich „Alter“ teilweise auch aus der mehr oder weniger ausgeprägten Erfahrung ergibt… oder sollen Lebensläufe dann gänzlich anders verfasst werden?

  3. DL

    Nur wer offen ist, kann andere öffnen.

    Nur wer selber brennt, kann andere andere entzünden und begeistern.

    Wer verschlossen ist, wird auf Verschlossenheit stossen.

  4. Wolfram Bremerich

    Das Einzige, was wir in diesem unseren Lande brauchen, um nach vorne zu kommen, ist eine drastische, ja eine dramatische Reduzierung aller Vorschriften, wogegen auch immer sie erlassen wurden.
    Ich diskriminiere Niemanden im Bewerberauswahlverfahren, aber ich will schon den richtigen Typ für den zu übertragenden Job finden, und dazu gehört in jedem Falle eine sehr offene Bewerbung!

  5. Stefan Häseli

    Richtig, spätestens wenn der Bewerber/die Bewerberin vor der Tür steht, ist’s aus mit der Anonymität. Wie auch immer – irgendwann muss jeder dazu stehen, was er ist, was er möchte, was er kann, was er mitbringt, was er bewegen will. So werden, wie SirLancelot bemerkt, alle subjektiven, meinungsbildenden Faktoren halt aufs Gespräch verschoben. Das erweitert den Bewerberkreis überhaupt nicht – er bleibt einfach länger breit, bis er schneller sehr schmal wird.

  6. Anna

    Vielleicht sind die vielen Zweifel berechtigt. Aber es gibt keinen Grund es nicht zu versuchen. Wenn der Versuch dann positive Ergebnisse bringt, dann bitte weitermachen damit. Mehr Chancengleichheit und Gerechtigkeit sind gut Ziele auch gerade in deutschen Unternehmen!

  7. Christoph Athanas

    Die Diskussion ist weiterhin voll im Schwung. Danke nochmal für alle Äußerungen.

    Ich persönlich bleibe skeptisch, aber es gibt selbstverständlich keinen Grund nicht auf die Ergebnisse des Pilotprojektes zu warten.

    Zudem wurde mir heute ein weiterer interessanter Link zur Verfügung gestellt, worin auch positive Resultate aus Schweden erwähnt werden.

    Zitat:
    „Erfahrungen aus dem Ausland sprechen dafür, diesen Versuch zu wagen: Im schwedischen Göteborg etwa wurden nach Einführung anonymisierter Bewerbungen deutlich mehr Frauen und Migranten zum Vorstellungsgespräch eingeladen als zuvor. Die Vorauswahl fällt offenbar anders aus, wenn sich die Amtsleiter nur von sachlichen Gründen leiten lassen.“

    Link dazu: http://www.sueddeutsche.de/karriere/bewerbung-anonymer-lebenslauf-die-chance-der-namenlosen-1.978495

  8. flori

    DL :Nur wer offen ist, kann andere öffnen.
    Nur wer selber brennt, kann andere andere entzünden und begeistern.
    Wer verschlossen ist, wird auf Verschlossenheit stossen.

    völlig richtig

  9. Pingback: Der anonyme Bewerber »

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