Fragetechniken (2) – Fragen im Coaching

Fragetechniken (2) – Fragen fürs Coaching

Kleine Artikelserie zur Fragetechnik für Führungs-, Team- und Kundenkommunikation.

In unserem ersten Artikel in dieser Serie zur Fragetechnik habe ich an die Grundlagen erinnert, also bspw. an die Unterschiede von offenen und geschlossenen Fragen und deren Vor- und Nachteilen in der Verwendung. In diesem Artikel greifen wir spezifische Fragearten auf, welche im Kontext des Coachings verwendet werden können. Die Verwendung im Zusammenhang mit Coaching kann bspw. durch eine Führungskraft gegenüber ihren Mitarbeitern erfolgen oder auch durch einen externen Coach. Wieder werden wir uns bewusst machen, dass Fragetechnik ein absolutes Schlüsselwerkzeug der effektiven Kommunikation ist.

Fragen im Kontext von Coaching/ Mitarbeitercoaching

Fragen können von uns mit verschiedenen Absichten und Zielsetzungen gestellt werden: Es kann um die Gewinnung von Daten oder Informationen gehen, um das Ermitteln von Meinungen oder Einstellungen unseres Gegenübers oder es sich um das Anstoßen von Prozessen der Reflektion bzw. des Perspektivenwechsels drehen. Insbesondere die letzten beiden Zielsetzungen sind für ein Coaching interessant. Somit gibt es auch keine an sich guten oder schlechten Fragen, sondern lediglich mehr und weniger hilfreiche Fragen.

Die Coaching-Zielsetzung des Reflektierens, des Erkennen von Handlungsoptionen und inneren Begrenzungen (Glaubenssätzen) erfordert eine flexible und forschende Fragemethodik. Dabei ist es grundsätzlich egal, ob es sich um ein Coaching von Mitarbeitern durch die eigene Führungskraft, ein Coaching im Sinne einer Kollegenberatung, ein Coaching einer Führungskraft durch einen qualifizierten Mitarbeiter aus der Personalabteilung oder durch einen externen Coach handelt. In allen Varianten werden insbesondere Fragen zur Erkundung und zum Verstehen der inneren Wirklichkeit des Gecoachten benötigt bzw. Fragen, welche die Reflektion von Situationen durch den Gecoachten befördern. Dazu gilt: Die Antwort auf eine Frage sollten immer mindestens genauso viel Mehrwert für den Gecoachten selbst schaffen wie für den Coach.

Fragearten für das Coaching

Zur besseren Übersicht gruppiere ich nun zunächst einmal verschiedene Fragearten in drei Anwendungsfelder im Rahmen von Coaching:

a) Fragen zur Beschreibung und Klärung von Zusammenhängen
b) Fragen zum Perspektivenwechsel
c) Fragen nach Lösungen und Ressourcen

a) Fragen zur Beschreibung und Klärung von Zusammenhängen
Hier wird der Fokus auf das Kennen lernen und Erkunden von Personen, Einflüssen und Umfeldern des Gecoachten gelenkt. Es geht um das Verstehen von Situationen und das Zusammenführen von Informationen, das Aufspüren von vernetzten Auswirkungen. Dabei steht die Beschreibung der Situation im Vordergrund, nicht deren Bewertung. In der Praxis erlebe ich häufig, dass Personen nicht nur beschreiben, sondern oft bereits (auch ungefragt) ihre persönlichen Interpretationen einfließen lassen. Hier ist konkretisierendes Nachfragen seitens des Coachs wichtig, um die Situationsbeschreibung zu objektivieren.

Um gemeinsam mit der gecoachten Person eine Situation zu umreißen und diese die Situation beschreiben zu lassen kann die folgende kleine Checkliste helfen:

  • Kontext
    Wie stellt sich der Sachverhalt XY genau dar?
    zzgl. versch. Sub-Fragen nach dem Schema der journalistischen W-Fragen (Wer/ Wie/Was/ Wo/ Wann) allerdings zunächst ohne Warum. Diese Fragen dienen der allgemeinen Kontextklärung.
  • Bezugspersonen
    Wer ist (direkt) betroffen?
  • weitere Bezugspersonen
    Wer könnte (indirekt) noch betroffen sein?
  • Ressourcen
    Welche Hilfsmittel werden verwendet / nicht verwendet?
  • Zeitlich
    Wie lange existiert der Sachverhalt schon? Dauer, Anfang, Ende, Intervalle usw.
  • Folgen
    Welche Auswirkungen gibt es (sonst noch) durch XY?
  • Abgrenzung
    Was ist nicht Teil von XY?
  • Blickwinkel
    Wie würde Z den Sachverhalt XY beschreiben, wenn er/sie jetzt hier wäre?


b) Fragen zum Perspektivenwechsel

Im Verlauf von Coachingsitzungen und im Rahmen der Führung von Mitarbeitung im Sinne einer Führungskraft als Coach, ist es meist von hoher Bedeutung den Gecoachten dabei zu unterstützen neue oder andere Perspektiven zu einem Sachverhalt einzunehmen. Dies kann übrigens auch Teil eines Moderationsauftrages sein, was in bestimmten Fällen eine Form des Teamcoachings darstellt.
Hierfür sind Fragen als Denkanstöße aus anderen Blickwinkeln ein Werkzeug der Wahl.
Bedeutende Fragearten hierzu sind

Die zirkuläre Frage (,d.h. die Bezugnahme zu eigenen und fremden Annahmen)

Diese Frageart lädt den Gesprächspartner ein, eine Situation oder auch sein eigenes Verhalten darin durch die Augen eines Anderen zu betrachten. In Verbindung mit einer weichen Konjunktiv-Formulierung („was würde XY sagen…“) bietet dies so die Möglichkeit Bezug zu eigenem Verhalten/ eigenen Ansichten zu nehmen, ohne dabei schnell in Rechtfertigungsdruck zu geraten. Nach meiner Erfahrung gibt diese Frageart dem Gecoachten einen leichteren Zugang zu anderen Perspektiven und erleichtert die Akzeptanz für die Existenz verschiedener Einschätzungen auf Basis verschiedener Wahrnehmungs-Blickwinkel.

Beispiele:
Was würde Ihr wichtigster Kunde zu Sachverhalt XY sagen?
Welchen Beitrag zur Linderung von XY würden Sie an Stelle von Z erwarten?
Welches Bild hat dieser Kollege vermutlich von der Zusammenarbeit mit Ihrem Team?


Die hypothetische Frage

Bei festgefahrenen Perspektiven, erkennbar an Formulierungen wie „immer“ oder „nie“ ist im Übrigen sehr hilfreich durch hypothetische Fragen erst einmal diese 100%-Einschätzung aufzulösen und erst später nach komplett neuen Perspektiven zu fragen. Sonst droht die Hypothetische Frage den Gecoachten zu überfordern. Hier reicht zunächst ein hypothetisches Angebot, welches „immer“ oder „nie“ in den Bereich von „häufig“ oder „selten“ relativiert.

Beispiele:
Mal angenommen Sie würden XY ohne Rücksicht auf andere verändern, was würden Sie dann tun?
Gesetzt den Fall, Sie würden XY anders machen, wie würden Sie es dann angehen?

Fragearten wie die hypothetische Frage und vielleicht mehr noch die zirkuläre Frage, verwenden viele Menschen eher selten. Daher ist es kein Wunder, wenn wir uns diese Fragearten an der einen oder anderen Stelle etwas künstlich oder befremdlich vorkommen. Es erfordert ein wenig Übung und das richtige Timing in einer Situation diese Arten von Fragen gezielt und trotzdem authentisch einzusetzen. Dann können diese Fragearten ihre  Wirkungen allerdings auch entfalten und so zu deutlich besseren Mitarbeitergesprächen oder Coaching-Sitzungen verhelfen. Dem Einsatz von Fragen wird übrigens in den Trainings der metaHR zum Thema Mitarbeitergespräche führen bzw. Teamführung eine hohe Aufmerksamkeit geschenkt und in praktischen Sequenzen besonders geübt.

Coaching-Fragen nach Lösungen und Ressourcen werde ich im nächsten Teil dieser Artikelserie vorstellen.
Bis dahin wünsche ich erfolgreiches Fragen.
Christoph Athanas

Hinweis:
Ein spannendes Coaching-Werkzeug mit ausgesprochen effektiver Fragetechnik ist das LAB-Profile. Es ist angewandte Sprachpsychologie und bietet effektive Interviewtechniken. Mit diesen erfragen bspw. Coaches und Berater gezielt Motivationen oder Entscheidungsgrundlagen von Personen. Hier gibt´s mehr Infos.

6 Gedanken zu „Fragetechniken (2) – Fragen im Coaching

  1. Michael

    Hallo,
    danke für den Beitrag.
    Nach meiner Erfahrung aus Gesprächen mit Mitarbeitern meines Teams sind besonders Fragen zum Perspektivenwechsel wichtig, um die Sichtweise von Externen zu verstehen. Oft benötigen die Personen ein paar Anläufe um den Perspektivenwechsel zu vollziehen. Da ist mein Tipp einfach hartnäckig zu bleiben und immer wieder zu fragen. Das Ergebnis ist es meist wert.
    Michael

  2. Pingback: Probleme erfolgreich ansprechen - Human Resource-Blog

  3. Johanna

    hallo, schöner beitrag – hätte mich auch für den dritten teil interessiert – gibt es den noch irgendwo? – dankeschön, johanna

  4. Christoph Athanas

    Hallo Johanna,
    danke für Deinen freundlichen Kommentar. Ja, der 3.Teil war bereits fertig, als ein kapitaler Systemabsturz alles zunichte machte (kommt davon, wenn man´s Zwischenspeichern vergißt…). Daher bleibt´s wohl leider bei dem Text, der da ist.

  5. Florian

    Wir haben unter http://www.w-fragen-tool.com ein kostenloses W-Fragen Tool gelauncht. Allerdings geht das etwas in eine andere Richtung – nämlich zur Unterstützung für wertvolle Inhalte, bzw. um Inhalte zu erstellen die Besucher einer Webseite zu einem bestimmten Thema wirklich interessiert. Sicherlich aber auch für einen Coach z.b. interessant – oder Personalmanagement um zu wissen, was die Menschen zu diesem Thema am meisten interessiert. Die Daten werden über Google´s API gezogen, sprich es wird quasi genau das angezeigt, was die Leute bei Google zu dem Thema suchen.

Kommentare sind geschlossen.